Bericht von Tilo Düpmann


Ich schließe die Augen: Um mich herum aufgeregtes Geschnatter im Bus. Alte Bekanntschaften werden da aufgefrischt, neue geschlossen, Geschichten erzählt, wer, woher, was fliegst du. Andere, vielleicht auch Neuling bei dieser Veranstaltung wie ich, wirken eher still und in sich gekehrt.
Was wird uns wohl erwarten an diesem ersten Tag der Hang Gliding Challenge?

Rückblick:
Seit 6 Jahren fliege ich Drachen, habe wunderbare Situationen erlebt und herbe Rückschläge. Gerade beginne ich mich, immer unterstützt von meinen Vereinskameraden und Fluglehrern, vom Startplatz zu entfernen, die ersten Streckenflüge zu wagen. Dann die Ausschreibung zu dieser Veranstaltung. Ist das überhaupt etwas für mich?

Von meinen Flugkameraden wollte mich keiner hierher begleiten. Die alten Hasen haben keine Lust. Die jüngeren trauen sich nicht. „HG-Challenge? das ist doch ein Wettbewerb- das ist nichts für mich.“ Höre ich und lasse mich verunsichern. Allerdings kenne ich Greifenburg und Umgebung ganz gut – hier habe ich meine Höhenflugausbildung gemacht und hierher zieht es unseren Verein jedes Jahr zu Pfingsten. Also habe ich mich angemeldet und das kleine grüne Sorgenmännchen ignoriert, so lange ich konnte. Eben im Bus ist es aber aufgewacht.

Gestern Abend – Einschreibung: Sieben Pilotinnen und einunddreißig Piloten sind der Einladung des DHVs und speziell der HG-Beauftragten Regina Glas gefolgt. Die Meisten aus allen Ecken Deutschlands, Einige aus Österreich und der Schweiz, vier haben japanische Wurzeln. Schön zu sehen, dass es auch junge Piloten gibt, die unseren Sport betreiben, im Altersschnitt der Piloten bin ich dann eher bei den Älteren, die aber die Mehrheit stellen. Viele haben schon öfters teilgenommen aber es gibt auch genügend nervöse Einsteiger wie mich.
Gleich bei der Einschreibung gibt es T-Shirt, Wegepunkt-Pläne und sogar Startkarten für die ganze Woche. Auf der Rückseite die wichtigsten Telefonnummern aufgeklebt.

Das erste Briefing:
Der Umgangston ist herzlich. Regina nimmt gleich mal etwas den Druck raus: Jeder soll sich eigene, machbare Ziele setzen. Gemeinsames Lernen und Verbessern in der Gruppe steht im Vordergrund. Die Challenge ist der Rahmen hierfür.
Dafür hat der DHV einiges an Aufwand spendiert, Tim Grabowski, Oliver Barthelmes und Markus Baisch unterstützen Regina am Boden und die Piloten in der Luft. Peter Cröninger stößt abends zur Gruppe um die Theorie aufzufrischen.

Tag 1:
Wir nehmen den ersten Bus um 9 Uhr, damit wir genügend Platz und Zeit zum Aufbauen haben.
Das erste Task-Briefing um 12 Uhr: Wegepunkte, Startfenster, Tasks – Unbekannte Welten und knifflige Vario-Einstellungen treffen auf überforderte Einsteiger. Jeder weiß ein bisschen etwas und am Ende hat jeder die Route vom Task-Board auf das eigene Gerät übertragen. Dann gehen alle Drachen in die Luft und auf Strecke. Später kommen per WhatsApp die ersten Rückholwünsche rein. Kein ganz leichter Tag, da sind sich abends alle einig. Das Wetter war zwar ganz gut, die Thermik teilweise stark und bockig, oder irgendwie woanders. Das folgen einer festen Route mit dem Vario, gleichzeitig auf die anderen Piloten in der Luft achten, nicht zu früh zu starten und nicht zu spät aus dem Startzylinder ausfliegen… 15 kommen ins Ziel. Alle werden bei Start und Landung gefilmt – Material für später.
Beim Abendessen frage ich laut wer wohl den leuchtend grünen RX fliegt, der mich heute lange begleitet und mehrmals ausgekurbelt hat: Die junge Aline mir gegenüber grinst übers ganze Gesicht. Sie hat heute uns Atosis mal gezeigt wie Flexi fliegen geht. Dafür bekommt sie den 3 Platz in der Tageswertung.

Abends: Fluganalyse mit Oli und Tim. Dann kommt Peter Cröninger und bespricht mit viel Witz und Empathie die Start- und Landevideos. Danach schleppen wir die schmerzenden Glieder ins Bett – Morgen gibt es wieder einen 9 Uhr Bus zu erreichen und es soll nachmittags gewittrig werden – Ein früher Start wäre günstig.

Tag 2:
Wegen dem unsicheren Wetter wird die Aufgabe in Landeplatznähe gesteckt. Die Wendepunkte aber weiter im Tal, die Zylinder kleiner – das wird schwieriger. Die Thermik ist gut aber hart. Das schlägt dem einen oder anderen Piloten auf den Magen.
Die seit heute parallel stattfindende GS Challenge erhöht die Zellstoffdichte in der Luft erheblich. Der GS Task wird später am Tag wegen aufziehender Gewitter gecanceled. Ich erwische einen guten Start und kann die erste Hälfte gut und schnell hinter mich bringen. Dann Doppelfehler: Zu tief abgeflogen und Irschens Kirche nicht gleich gefunden. Ich versenke mich gründlich, kann mich aber dank Starrflügel in Zapfenkickhöhe am Hang entlang zurück zum Landeplatz mogeln. Dort erklärt mir dann Peter gleich nach der verpatzten Landung, was ich falsch mache… Leicht geknickt verhole ich mich erst mal in den Badesee – Hombre ist das heiß hier. Das anschließende Bananensplit hebt die Stimmung langsam wieder. Morgen will ich das alles besser machen – bei den Landungen wird aber die ganze Woche der Wurm drin sein.
Tagessieger war heute Thomas Dieterich bei den Männern. Bei den Frauen dominiert Susanne Schönecker den Wettbewerb. Aline wird mit ihrem Flexi 2. Jeden Tag werden die Tagessieger mit kleinen Geschenken belohnt.

Tag3:
Am späten Morgen sehen wir schon die erste Gewitterzelle über Lienz aufziehen. Der kleine Task wird zwar noch ausgeschrieben aber nicht mehr gestartet. Stattdessen gibt es einen „Schönlande-Wettbewerb“, bei dem wir umsetzten sollen, was uns Peter gestern Abend noch ans Herz gelegt hat.
Dank chaotischer Windverhältnisse an den Landeplätzen ist das heute eine große Herausforderung. Am Ende werden von Ines und Oli die 3 Schönstlander ausgewählt und abends prämiert. Ein kurzer Schauer beschleunigt den Abbauvorgang. Später wieder schönstes Wetter, das von ein paar Teilnehmern noch für einen Nachmittagsflug genutzt wird. Abends sitzen wir wieder zusammen, schauen uns die Videos des Tages an und diskutieren über Flugstrategie und wann man am besten startet um sich rechtzeitig zum Racestart zu positionieren.

Tag 4:
Sich rechtzeitig zum Racestart zu positionieren? Gründlich danebengegangen! Mein Vario verkündet, dass das erste von 3 Startfenstern soeben geöffnet wurde – auch die nächsten zwei stehe ich noch am Boden in der Schlange. Die Bedingungen sind lau – der Wind die meiste Zeit 90° zum Startplatz und es herrscht erhebliche Absaufgefahr. Die Frühstarter haben es aber nach oben geschafft, genau so, wie gestern Abend noch empfohlen wurde. Da ist sie wieder die Lernkurve. Leicht genervt kann ich dann doch endlich starten und muss mich erst mal nach oben kämpfen. Die ersten 300m sind schwer, dann geht es besser und mit 30 Minuten Verspätung kann ich endlich auf Strecke gehen. Diesmal weiß ich genau, wo die Wendepunkte liegen und wir kennen inzwischen die Thermikquellen gut.
Es läuft: Ritsch: Gerlamoos Kirche – Ratsch: Griebitsch Alm. Zurück zur Emberger und Höhe machen. Ich fliege mit 2650m ab und nehme den langen Weg zur Weissensee-Brücke. Es trägt schön, ich bin alleine und spät dran. Also gebe ich meinem Atos die Sporen. Wir kommen hoch genug an um die Wende direkt zu nehmen. Tief unten sehe ich Valentin grundeln, der Arme, denke ich. Auch er wird sich wieder ausgraben, wie er mir abends stolz erzählt. Ich finde keinen rechten Anschluss hier und statt die Höhe beim Suchen zu vernichten (Wieder ein Rat vom Vorabend) quere ich gleich zurück zum Gaugen-Eck, und fliege in halber Höhe am Hang entlang zum letzten Wendepunkt, Landeplatz Berg. Die Luft über den Fichten ist richtig warm und es duftet nach Harz und Zapfen – wie schön. Ich kann das richtig genießen, die Höhe reicht eh. Ein letztes Mal spielt mir das Vario eine Melodie und spricht zu mir: „Waypoint reached“. So viel Resthöhe reizt, das Geschwindigkeitspotential des VQ auszuprobieren. Und so rausche ich mit knapp 100 km/h über Greifenburg zum Landeplatz. Dort liegt ein großes Kreuz: Der Task wurde vorzeitig beendet, dem dunkler werdenden Himmel und der Sicherheit geschuldet. Damit kommen am Ende nur 4 Piloten formal ins Ziel, wir anderen werden nach Strecke und Höhe zum Race-Ende abgerechnet. Ich nehm‘s nicht krumm. Mein Steuerbügel schon – eine schöne Landung wäre ja der krönende Abschluss gewesen. Daran muss ich noch arbeiten.

Abends gibt es ein großes Grillfest, Drachen und Gleitschirmflieger stehen in Gruppen zusammen und erzählen sich ihre Abenteuer der letzten Tage. Der Wolkenbruch wird im großen Mannschaftszelt abgewettert und gelassen hingenommen.

Tag 5, der letzte Tag der Challenge:
Heute gibt es keinen Task mehr. Während ich gemütlich im Badesee schwimme, turnt Ines schon wieder mit ihrem Crossover durch den blauen Himmel und hat sichtlich Spaß.
Dann gibt es die Siegerehrung:
In der Endabrechnung gewinnt bei den Starren Thomas Diederich, Susanne Schönecker ist die beste Pilotin. Oliver Salewski gewinnt die Wertung bei den Flexies, Aline Dobrovsky ist die Beste bei den Turmlosen. Valentin Panzenböck ist der Sieger mit Turmdrachen. Die restlichen Sieger stehen drum herum – irgendwie hat doch jeder gewonnen, der seinen Steckenflug oder Wettbewerbsambitionen näher gekommen ist. Kleine Geschenke gibt es auch für alle.

Fazit:
Wer seinen fliegerischen Horizont in Richtung Streckenflug erweitern will, wer das Wettbewerbsfliegen versuchen möchte und wer in einer Woche mehr fliegen und lernen will wie sonst in einem Jahr nicht, für den gibt es keine Bessere Gelegenheit als die HG Challenge. Speziell, aber nicht nur für Piloten, die keinen aktiven Verein ums Eck haben, ist dies eine großartige Veranstaltung mit äußerst engagierten Betreuern. Danke an Markus, Oliver, Tim, Peter und ganz besonders an Regina Glas für diese wunderbaren Tage. Danke an den Wettergott und die Schutzengel – alle haben Hand in Hand gearbeitet. Ich fahre nicht nur als deutlich gereifter Pilot nach Hause, ich habe auch 40 andere Flieger in dieser Woche kennen gelernt, die ich hoffentlich bald in luftigen Höhen oder am Boden wieder treffen werde.

Tilo Düpmann